Autor, Krimi, Henning Mankell, dtv

Interview mit Henning Mankell in der Zeitschrift ›Buchkultur‹

Seit einigen Jahren schon erscheinen auf Deutsch Bücher mit der Figur des Kriminalkommissars Wallander. Wie erklären Sie sich jetzt den Erfolg mit Zsolnay?

Henning Mankell: Ich muß einfach daran glauben, daß sich Qualität früher oder später durchsetzt. Wenn ich nicht daran glauben würde, wäre ich kein Schriftsteller, sondern ein Scheinheiliger.

Wie stehen Sie zum Genre Krimi? Immerhin wird mit Ihnen Werbung gemacht mit dem Satz: Der Mann, der keine Kriminalromane schreibt.

Henning Mankell: Ich hatte nie vor jemals in meinem Leben über Verbrechen oder Krimis zu schreiben. Ich glaube auch noch immer nicht, daß ich es tue. Was ich mache, ist eigentlich etwas sehr Altes, ich sehe auf die Gesellschaft durch den Spiegel des Verbrechens. Dieses Prinzip verfolgt Shakespeare in Macbeth oder Joseph Conrad in ›Herz der Finsternis‹. Diese beiden Beispiele sind auf ihre Art Krimis, doch niemand bezeichnet sie so. Ich glaube, ich arbeite in einer Tradition, die von Kritikern falsch eingeschätzt wurde. Meine Geschichten handeln von der Gesellschaft und der Zeit in der ich lebe.

Die Mordfälle in Ihren Romanen sind zumeist sehr drastisch. Kann man Rassismus oder Gewalt in unserer Gesellschaft nur so darstellen, oder sind subtile Formen, die die latente Gewalt zeigen, nicht didaktisch eingängiger? Oder kann man die Menschen nur durch drastische Szenen aufrütteln?

Henning Mankell: Was immer ich schreibe, besonders über Grausamkeit, ist in der Realität immer schlimmer. Ich muß bekennen, daß es viele Seiten gibt bei denen ich mich wirklich schlecht gefühlt habe, als ich sie schrieb. Doch ich beziehe mein Material aus der Realität und nicht aus meiner Phantasie, die wäre dazu nicht grausam genug.

Sie arbeiten sehr vielfältig. Sie schreiben Krimis für Erwachsene und sozial engagierte Bücher für Kinder, außerdem arbeiten sie als Regisseur. Wie bringt man all diese Arbeiten zusammen, bedingen sie sich gegenseitig, und entwickelt sich das eine aus dem anderen, oder hat das eine mit dem anderen nichts zu tun?

Henning Mankell: Es stimmt ich schreibe wirklich viele verschiedene Dinge, und zwar Theaterstücke, fürs Fernsehen, fürs Kino, Bücher über Wallander, Geschichten über Afrika. Ich glaube aber, da gibt es eine Verbindung, zumindest für mich ist sie sichtbar. Und die Verbindung ist sehr einfach zu beschreiben, nämlich die Frage, welche Gesellschaft wollen wir? Eine Gesellschaft, die auf Solidarität beruht, oder das Gegenteil. Ich glaube, mein ganzes Schreiben wie auch mein Leben basiert auf dieser Frage.

In den kurzen biographischen Noten über Sie steht, Sie arbeiten als Regisseur in Maputo (Mosambik). Können Sie uns etwas über Ihre Arbeit dort erzählen?

Henning Mankell: Seit 13 Jahren bin ich der Prinzipal des einzigen professionellen Theaters in Mosambik. Die Arbeit ist spannend, eine Herausforderung und auch ein Teil meines Zieles nämlich Solidarität.  Den Menschen dort etwas von meiner Erfahrung zu geben und dafür ihre zu bekommen und zu zeigen, daß Kunst eine Domäne ist, wo Rassen und andere künstliche  Grenzen keine Bedeutung haben.

In einem Vortrag haben Sie gesagt, sie empfinden es heute noch als einen fast erotischen Genuß, die Koffer zu packen und loszuziehen. Reisen Sie heute noch viel, oder teilen Sie Ihr Leben und Schreiben zwischen Schweden und Mosambik auf?

Henning Mankell: Ich bin ständig unterwegs. Ich muß unterwegs sein. Bis heute reise ich die meiste Zeit zwischen Europa und Afrika hin und her. Und ich habe immer noch einen erotischen Genuß beim Packen eines Koffers. Der ist heute noch so stark wie vor 30 Jahren.

Das Interview mit Henning Mankell erschien in der Zeitschrift ›Buchkultur‹. Wir danken für die freundliche Abdruckgenehmigung.