Henning Mankell
© Lina Ikse Bergman

Scherben der Wahrheit

Ein Interview mit Henning Mankell zu Kennedys Hirn von Marika Bratt

Henning Mankell ist am Morgen mit dem Flugzeug aus New York gekommen. Nachher muß er von Stockholm weiter nach Göteborg. Aber zuerst muß er einige Gespräche führen und Bücher für Deutschland signieren. Das sind hektische Tage, wenn er zu Hause in Schweden ist.

Henning Mankell macht es sich im Sessel bequem, kickt die Schuhe von den Füßen und legt sie auf das Sofa ihm gegenüber. Er ist mitten im Endspurt seines neuen Romans Kennedys Hirn. In einer Woche sollen der Feinschliff an den Details erledigt und das Manuskript fertig sein, so daß es zum Druck gehen kann. Es ist eine komplizierte Geschichte, die zu schreiben viel Zeit und Kraft gekostet hat. Der Roman hat viel Raum eingenommen.

Henning Mankell: “Ich glaube, es gibt eine Sehnsucht nach langen Geschichten. Heutzutage leben wir in einer Bœuf Stroganoff-Welt, in der alles klein und in fertigen Stückchen vorgelegt werden soll. Aber man kann die Wirklichkeit nicht in vierzig Sekunden beschreiben.”

Er vertraut auf die Geduld der Leser. Seine Geschichten fügen sich langsam zusammen und werden mit jeder Seite immer unheimlicher und klaustrophobischer. Man kann Wahrheit und Lüge nicht voneinander unterscheiden, bevor nicht das letzte Detail an seinem Platz steht.

Henning Mankell: “Es war ein Abenteuer, dieses Buch zu schreiben.”

Für dieses Buch verwendet er das, was er sein Sparkapital nennt: seine eigenen Erfahrungen aus Afrika.
Als die Archäologin Louise Cantor von einer Ausgrabung in Griechenland nach Schweden zurückkommt, findet sie ihren Sohn Henrik tot auf. Nichts deutet auf ein Verbrechen hin, doch Louise will das nicht akzeptieren. Als die Polizei ihr mitteilt, daß die Todesursache eine Überdosis Schlafmittel war, ist sie mehr und mehr überzeugt davon, daß etwas nicht stimmt. Sie kann nicht glauben, daß ihr Sohn sich das Leben genommen haben soll.

Henning Mankell: “Es muß der größte Alptraum aller Eltern sein, daß das eigene Kind Selbstmord begeht.”

Kinder sind dazu bestimmt, länger zu leben als ihre Eltern, und sie sollen die Welt nicht als so schrecklich empfinden, daß sie nicht mehr länger existieren wollen. Für Louise ist das unerklärlich, sie kann nicht verstehen, was Henrik dazu gebracht haben könnte, sich so zu fühlen. Für sie klingen die Ausführungen der Polizei falsch.

Unter der Oberfläche versteckt

In Henriks Wohnung findet sie Material über das Verschwinden von John F. Kennedys Hirn nach dem tödlichen Attentat 1963. Warum hat sich ihr Sohn dafür interessiert?

Henning Mankell: “Die Geschichte ist wahr. Kennedys Hirn verschwand wirklich und wurde nie gefunden. Wir wissen nicht wie und warum. Vielleicht war es einfach Schlamperei. Oder jemand hat geglaubt, daß es in der Zukunft Möglichkeiten geben könnte, Informationen aus dem toten Gehirn eines Mannes zu erhalten. Was gab es da, was man verstecken wollte? Diese Geschichte ist ein Symbol für all das, was wir nicht wissen, für das, was vor uns geheim gehalten wird.”

Es klingt unsinnig, aber die Geschichte beweist immer wieder, daß wir falsch liegen, wenn wir glauben, wir wüßten, was möglich ist.
Louise unternimmt ihre Nachforschen auf gleiche Weise, wie sie als Archäologin arbeitet.

Henning Mankell: “Aufgrund der Informationssplitter versucht sie zu verstehen, was geschehen ist. Das ist schließlich die Aufgabe des Archäologen: die Zeichen der Vergangenheit zu deuten und zu versuchen, Aussehen und Funktion eines Objektes zu rekonstruieren. Hier muß man das Kleine gegen das Große stellen. Durch die Details kann das Ganze erklärt werden.”

Aber welche Information ist wichtig, welche führt in die Irre? Heutzutage wird es immer schwerer, aus der Nachrichtenflut, die über uns hinweggespült, die wirklich relevanten Informationen herauszugreifen.

Henning Mankell: “Wir leben in einem Schlackeregen von Pseudoinformationen. Ich merke das, wenn ich in Mosambik bin. Da gibt es einen Fernsehsender, einige Zeitungen und einige wenige Radiokanäle. Man könnte glauben, ich sei fernab des großen Nachrichtenflusses. Aber wenn ich nach Schweden komme, stelle ich fest, daß ich nichts verpaßt habe. Möglicherweise einige lokale Nachrichten, aber alle großen Themen kann ich ebensogut in Afrika verfolgen.”

In Schweden beobachtet er eine Entwicklung, die ihm nicht gefällt.

Henning Mankell: “Die Abendzeitungen sind zu Fernsehbeilagen geworden. Die Nachrichten handeln von Prominenten und Doku-Soap-Teilnehmern. Es würde mich nicht wundern, wenn ein Fernsehsender demnächst eine der Abendzeitungen kaufte. Dann hätten sie einen weiteren direkten Kanal zum Publikum.”

AIDS teilt die Welt

Während Louise versucht, die Informationssplitter, die sie findet, zusammenzusetzen, wird sie gezwungen, Dinge, die sie von ihrem Sohn zu wissen glaubte, in Frage zu stellen. Als sie Freundinnen ihres Sohnes trifft, beschreiben diese einen jungen Mann, den sie nicht wiedererkennt. Die Spur führt sie zuerst nach Barcelona, wo Henrik, wie sich herausstellt, eine Wohnung besaß. Wie konnte er sich das leisten?
Louise wird immer unsicherer. War ihr Sohn in kriminelle Machenschaften verwickelt oder ist er aufgrund seines Wissens über etwas, das andere geheimhalten wollen, zum Opfer geworden? Die Informationen, die sie findet, ergeben kein deutliches Bild. Die Scherben passen nicht zusammen.
Als sie Henriks Spuren folgt, stößt sie auf erschreckendes Material über AIDS und HIV, Artikel über die Erpressung Infizierter und über Tests von Medizinern an nichts ahnenden Bauern in der chinesischen Provinz. Über Firmen, die spurlos verschwinden, sobald die Nebenwirkungen ihrer Medikamente den Menschen Schaden zufügen.

Henning Mankell: “Dieses Informationsmaterial kann finden, wer sich dafür interessiert. Das Problem ist, daß diese Informationen nicht an die Öffentlichkeit dringen. Es ist scheinbar wichtiger, darüber zu schreiben, wer nach Malaysia reist, um beim Robinsonclub dabei zu sein, als zu berichten, was armen und kranken Menschen in anderen Teilen der Welt geschieht.”

Dies sind Fragen, die Henning Mankell in Rage bringen. Aids ist zu einer Krankheit geworden, die die Welt aufteilt in ein “wir” und ein “sie”. In den reichen Teilen der Welt haben die virenhemmenden Medikamente dazu geführt, daß Aids als chronische Krankheit betrachtet wird. Das Virus kann in Schach gehalten werden, und die Betroffenen können lange ohne Symptome leben. Das hat die westliche Welt dazu gebracht, diese Angelegenheit mit einem Achselzucken abzutun. Wir glauben, die Krankheit sei unter Kontrolle. In Afrika ist die Situation völlig anders. Da ist HIV eine tödliche Krankheit und die Betroffenen haben wenig Möglichkeiten, Hilfe zu bekommen.

Henning Mankell: “Unser Einsatz auf diesem Gebiet ist erschreckend gering. Dabei ist es ein ewiger Kampf zwischen Mensch und Virus. Wir können es uns nicht erlauben, die Weltbevölkerung in ´wir` und ´sie` aufzuteilen. In Bezug auf Aids darf es nur ein “wir” geben und die Betroffenen müssen mehr Hilfsmittel erhalten.”

Halbwahrheiten werden zu Lügen

Louises Reise auf den Spuren ihres Sohnes führt sie nach Mosambik und in ein Krankenlager für die Allerärmsten. Hier werden diejenigen gepflegt, die nicht überleben werden. Freiwillige versorgen Aidskranke während ihrer letzten Lebenstage. Aber ist das alles wirklich so, wie es aussieht? Wer ist der Mann, der hinter diesen Krankendörfern steht? Ein reicher Mann, der beschlossen hat, sein großes Vermögen zu nutzen, um etwas Gutes zu tun, oder ein Mann mit heimlichen Laboratorien, dem es in erster Linie um die Entdeckung eines Heilmittels geht? Um jenen Impfstoff, der seinem Entdecker phantastische Reichtümer bescheren würde?
Das Harren auf den Impfstoff bietet Nährboden für Gerüchte. Daß man gesund werden kann, wenn man Sex mit einem Kind hat, ist das abscheulichste davon.

Henning Mankell: “Man beginnt an Magie und Beschwörungen zu glauben, wenn es nichts anderes mehr gibt. Aber wir sollten nicht überheblich sein. Unser eigener Aberglaube liegt dicht unter der Oberfläche. Man denke nur daran, was wir Schweden noch vor hundert Jahren geglaubt haben, oder auch heute. Es gibt keine Beweise dafür, daß Magneten oder Kristalle wirken. Aber wenn Menschen verzweifelt sind, sind sie bereit, alles zu versuchen.”

Das Buch ist im Zorn geschrieben. Mit einer Wut darüber, wie die Welt aussieht und wie wenig ein Menschenleben wert ist. Aber das Buch hetzt nicht auf. Es ist vielmehr unglaublich spannend und vermittelt eine unbehaglich kriechende Unsicherheit, die stetig wächst. Was ist wahr? Was ist Lüge? Wer ist Freund und wer ist Feind? Louise fühlt sich immer stärker bedroht und befindet sich am Ende auf der Flucht.
Diese Wut, von der Mankell spricht, kocht indessen im Hintergrund. Henriks Freundin Lucinda sagt, daß sich die meisten Weißen nur darum kümmern, wie Afrikaner sterben – wie sie leben brauchen wir nicht zu wissen, weil das ein vorübergehender Zustand ist. Darin liegt ein Stück Wahrheit. Die Nachrichten über Afrika handeln von Katastrophen, Krankheit und von durch Bürgerkriege zerrissenen Ländern.

Henning Mankell: “Das ist ein ungeheurer Verrat durch die Massenmedien. Was uns erzählt wird, sind Halbwahrheiten, die zusammen zu einer einzigen großen Lüge anwachsen, wenn sie immer aufs neue wiederholt werden. Es gibt nicht nur ein Afrika. Es sind 50 Länder und in rund 45 davon herrscht Frieden. Aber der Mythos gibt uns den Vorwand, auf Afrika zu pfeifen.”

Mankell selbst ist dennoch hoffnungsvoll. Der Kontinent wird sicher noch eine Weile schlingern, aber es gibt positive Kräfte. Ausbildung ist das wichtigste.

Henning Mankell: “Ich glaube, daß Mosambik in hundert Jahren ein reiches Land sein wird. Ich würde das wirklich gerne sehen. Ich muß wohl einen Kuhhandel mit den Göttern abschließen, damit sie mich dann einen Blick darauf werfen lassen.”

Er lächelt, während er das sagt, erzählt aber nicht, mit welchen Göttern er glaubt, verhandeln zu müssen.

Erschienen in dem Magazin der schwedischen Buchhandelskette “Bokia”

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